
Energiewende und Industriestandort: Warum Deutschland beides zusammendenken muss
Deutschland diskutiert die Energiewende oft so, als wäre sie vor allem eine Kostenfrage: Wer soll das bezahlen? Wie teuer wird Strom? Wer verliert zuerst. Dabei geht schnell unter, dass die Energiewende auch eine der größten wirtschaftlichen Chancen ist, die Deutschland in den nächsten Jahrzehnten hat – oder eine verpasste. Und sie entscheidet ganz konkret, welche Jobs es hier in 10 oder 20 Jahren noch gibt.
In diesem Beitrag geht es deshalb nicht nur um Strompreise und Gesetze, sondern um eine zentrale Frage: Will Deutschland bei der Energiewende Industrie- und Technologiestandort sein – oder vor allem Absatzmarkt für Technik aus anderen Ländern?
1. Wo stehen wir heute?
2025 kamen in Deutschland fast 56 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne und Biomasse – so viel wie noch nie. Im ersten Quartal 2026 haben erneuerbare Energien rund 53 Prozent des gesamten Stromverbrauchs gedeckt, also mehr als jede zweite Kilowattstunde. Beim Ausbau von Wind und Solar sind wir also gar nicht so schlecht. Gleichzeitig klagen viele Industrieunternehmen über hohe Energiepreise und unsichere Rahmenbedingungen und verlagern Investitionen ins Ausland oder verschieben sie.
Kurz gesagt: Die Frage, wo die Technik herkommt und wo die Wertschöpfung stattfindet, ist noch längst nicht entschieden.
Um zu verstehen, warum diese Frage so dringend ist, lohnt ein Blick zurück – denn Deutschland hat diese Weiche schon einmal falsch gestellt.
2. Wie wir unsere Solarindustrie eingebremst haben
Dass Deutschland heute so stark von importierten Solarmodulen abhängt, ist kein Zufall. Es hat viel mit politischen Entscheidungen der letzten 15 Jahre zu tun.
Der „Altmaier-Knick"
Ab 2012 wurden unter dem damaligen Umweltminister Peter Altmaier die Förderbedingungen für Solarstrom deutlich verschärft: Vergütungssätze stark gekürzt, Ausbaukorridore gedeckelt, ein Deckel für die Gesamtleistung eingeführt. Die Einspeisevergütung – also der feste, staatlich garantierte Preis pro Kilowattstunde Solarstrom, die ins Netz eingespeist wird – sank deutlich. Der jährliche Ausbau von Photovoltaik brach von deutlich über 8 Gigawatt auf unter 2 Gigawatt ein, viele Hersteller gingen in die Insolvenz. Branchen und Medien sprechen bis heute vom „Altmaier-Knick" – einem politisch ausgelösten Bruch in der Wachstumskurve.
Parallel dazu baute China seine Solarindustrie massiv mit staatlichen Mitteln auf. Das Ergebnis sehen wir heute: 2025 kamen 88 Prozent der importierten Photovoltaikanlagen in Deutschland aus China, der Importwert war fast fünfmal so hoch wie der Exportwert deutscher PV-Technik, und die heimische Modulproduktion ist in den ersten drei Quartalen 2025 nochmals um gut 60 Prozent eingebrochen. Wir haben also die Energiewende gemacht – aber einen großen Teil der Wertschöpfung ins Ausland verabschiedet.
Die drohende „Reiche-Schlucht"
2026 erleben wir ein Déjà-vu. Mit dem Entwurf für das neue EEG 2027 plant Wirtschaftsministerin Katherina Reiche eine grundlegende Reform. Ein Kernpunkt: Für neue kleine PV-Dachanlagen bis 25 Kilowatt soll es ab 2027 keine feste Einspeisevergütung mehr geben. Strom aus neuen Dachanlagen soll dann nur noch zum schwankenden Marktpreis verkauft werden – abzüglich Vermarktungskosten für Dienstleister, die den Strom an der Börse verkaufen. Für viele Hausbesitzer:innen, Energiegenossenschaften und kleine Betriebe wird die Rechnung damit deutlich unsicherer und komplizierter.
Gleichzeitig liegt ein Netzpaket auf dem Tisch, das Investitionen in Regionen mit viel Wind- und Solarstrom riskanter machen würde: In sogenannten „kapazitätslimitierten" Gebieten sollen neue Anlagen bei Abregelungen keine Entschädigung mehr bekommen. Verbände sprechen von einem potenziellen „Investitionsstopp auf Ansage". Branchenvertreter und Forschende warnen bereits vor einer drohenden „Reiche-Schlucht" – in direkter Anlehnung an den Altmaier-Knick. Und es geht nicht nur um Kilowattstunden, sondern auch um Jobs.
3. Was das mit Abhängigkeiten zu tun hat
Wenn Deutschland erneuerbare Energie ausbaut, aber die dafür nötige Technik überwiegend importiert – Solarmodule, Windkomponenten, Batteriespeicher, Netzausrüstung –, entsteht eine neue Form von Abhängigkeit: von wenigen Lieferländern, im Moment vor allem China; von Geld, das größtenteils ins Ausland abfließt; und von industriellen Kompetenzen, die wir später nur sehr schwer wieder aufbauen können.
Wir lösen uns Schritt für Schritt von fossilen Importen – und rutschen gleichzeitig in Abhängigkeiten bei den Technologien, die wir für die Energiewende brauchen. Deshalb ist die Frage „Industriestandort oder nur Absatzmarkt?" keine abstrakte Grundsatzdebatte. Sie bedeutet ganz konkret: Haben wir hier Forschung, Entwicklung, Fabriken, Service und gute Jobs – oder vor allem Endkunden und Installateure?
Die gute Nachricht: Der Jobmarkt zeigt bereits heute, was möglich ist – wenn wir es zulassen.
4. Energiewende als Jobmotor – Zahlen, die für sich sprechen
Dass die Energiewende Jobs schafft, ist gut dokumentiert. Laut aktuellen Branchenzahlen arbeiteten über 400.000 Menschen im Jahr 2023 in Deutschland im Bereich erneuerbare Energien – also bei Herstellung, Planung, Bau, Betrieb und Wartung von Anlagen. Das ist der höchste Stand seit über zehn Jahren. Eine Studie von IW Köln und der Bertelsmann Stiftung zeigt: Die Zahl der Stellenanzeigen mit Bezug zur Energiewende hat sich seit 2019 mehr als verdoppelt – von 173.000 auf 372.500 im Jahr 2024. Während die Gesamtzahl aller Stellenausschreibungen 2024 um etwa 16 Prozent zurückging, sank sie im Energiewende-Segment nur um rund 8 Prozent. Die Branche war also selbst in der Krise ein vergleichsweise stabiler Jobmotor.
Und das ist nur der Energiewende-Teil des GreenTech-Markts. Der GreenTech Atlas 2025 des Umweltbundesamts zeigt: In der deutschen GreenTech-Branche insgesamt arbeiten rund 3,4 Millionen Menschen – etwa dreimal so viele wie im Fahrzeugbau. Besonders stark wachsen die Bereiche umweltfreundliche Mobilität und Energieeffizienz.
Diese Jobs entstehen nicht nur in Großkonzernen oder in den Metropolen. Sie entstehen im Mittelstand, bei Handwerksbetrieben, in ländlichen Regionen, bei Planungsbüros und Service- und Wartungsteams – und in neuen Rollen an der Schnittstelle von Technik und IT, etwa bei Netzdigitalisierung, Energiemanagement oder Software für Effizienz und CO₂-Management. Genau hier setzt GREENGANY an: Wir sehen, dass die Energiewende und GreenTech nicht nur technische, sondern vor allem Arbeitsmarkt- und Fachkräftethemen sind.
5. Was das für Talente und Arbeitgeber bedeutet
GreenTech – von erneuerbaren Energien über Effizienz, Netze und Speicher bis zu grüner Industrie und Software – ist schon heute ein großer Arbeitsmarkt mit Millionen Beschäftigten und stark wachsender Nachfrage. Wer jetzt in Skills rund um Energie, Netze, Speicher, Effizienz und Digitalisierung investiert, positioniert sich in einem Feld, das global gebraucht wird – auch dann, wenn die Politik einzelne Segmente zeitweise bremst.
Für Arbeitgeber gilt: Wenn Deutschland Industriestandort der Energiewende bleiben will, brauchen Unternehmen eine klare Fachkräftestrategie – unabhängig davon, wie stabil oder wackelig die politischen Rahmenbedingungen gerade sind. Wer in erneuerbare Energien und GreenTech investiert, muss nicht nur Projekte finanzieren, sondern auch Teams aufbauen – und die richtigen Menschen finden, die Technik, Digitalisierung und Transformation zusammenbringen.
Genau hier kommt GREENGANY ins Spiel: Wir verbinden Unternehmen, die die Energiewende und GreenTech-Transformation konkret umsetzen wollen, mit den Menschen, die dafür gebraucht werden – von Facharbeit bis KI-Expertise. So tragen wir dazu bei, dass Deutschland in der Energiewende nicht nur Stromkunde, sondern aktiver Industriestandort bleibt.
Quellen: BDEW (Strommix 2025 / Q1 2026); Destatis (PV-Importstatistik 2025); GWS im Auftrag des BMWK (Bruttobeschäftigung erneuerbare Energien 2023); IW Köln / Bertelsmann Stiftung, „Die Energiewende als Jobmotor" (März 2025); Umweltbundesamt, GreenTech Atlas 2025; BBH Blog / GÖRG (EEG-Arbeitsentwurf 2027)